Gunda Frey

Denken

Der Heiratsantrag, der alles verändert hat

Warum wir uns verlieben. Und warum kein Mensch uns retten kann.

Thomas hatte ziemlich klar gesagt: Die Nummer mache ich nie wieder. Er war schon verheiratet. Und ich? Mehr als einmal.

Und dann steht dieser Mann ausgerechnet auf seiner eigenen Geburtstagsfeier vor mir. Familie, Freunde, alle sind da. Er hat einen riesigen Strauß roter Rosen im Arm. Und trägt eine pinke Hose, passend zu meiner.

Meine Söhne kommen mit Luftballons herein. Und Thomas geht vor allen auf die Knie und fragt mich, ob ich ihn heiraten will.

Romantisch, oder?

Mein Nervensystem fand das erst mal gar nicht romantisch.

Mein erster Gedanke war nicht Freude

Mein erster Impuls: Ich klopfe mir auf den Kopf. Atmen. Ruhig werden. Mich irgendwie stabilisieren. Mein Herz tanzt Samba, und mein Kopf kommt nicht hinterher.

Und natürlich sage ich Ja.

Und am nächsten Tag kam die Angst. Richtig groß. So ein inneres Warnsignal: Nicht schon wieder. Du kennst diesen Weg. Er geht nicht gut aus.

Das ist das Nervensystem. Es schaut in die Vergangenheit und versucht, uns vor dem zu schützen, was damals wehgetan hat. Es meint es gut. Aber es lebt nicht im Heute.

Ich habe die Angst nicht weggedrückt. Ich habe sie da sein lassen. Und mich gefragt: Wovor genau hast du eigentlich Angst?

Drei Mal Ja. Drei Mal nicht aus Liebe.

Ich war schon drei Mal fest gebunden. Und alle drei Male sind gescheitert.

Mit 21 habe ich geheiratet. In meiner damaligen Gemeinde war klar: So macht man das. Ein Ja aus Pflicht und aus Angst.

Beim zweiten Mal wollte ich retten. Da war dieser Gedanke: Wenn ich dich nur genug liebe, wirst du heil. Ein Ja aus dem Retterwunsch.

Beim dritten Mal war es eine eingetragene Lebenspartnerschaft mit einer Frau. Ein Ja, das auch viel mit Selbstfindung zu tun hatte. Und mit einer Familie, die das nicht gutheißen konnte.

Heute weiß ich: Keins davon war ein freies Ja.

Wir suchen Mama und Papa

Als Therapeutin sehe ich es ständig. Bei mir selbst habe ich es lange nicht gesehen.

Wir verlieben uns oft in Menschen, die uns an Mama oder Papa erinnern. An den Elternteil, von dem wir uns mehr Halt gewünscht hätten. Mehr Liebe. Mehr Gesehenwerden.

Das passiert nicht bewusst. Unser Nervensystem sucht das Vertraute. Und tief in uns wohnt eine leise Hoffnung: Diesmal wird es gut. Diesmal bekomme ich, was mir gefehlt hat.

Und dann erfüllt der andere eine Erwartung nicht. Und unser Nervensystem schlägt Alarm. Nicht, weil der Partner so schlimm ist. Sondern weil eine alte Erfahrung wach wird.

Hier ist der Satz, der mir am meisten geholfen hat:

Kein Partner kann heilen, was in unserer Kindheit verletzt wurde. Das ist nicht sein Job.

Er kann uns spiegeln. Er kann uns zeigen, wo es noch wehtut. Aber die Verantwortung für die Wunde bleibt bei uns.

Diesmal ist es anders

Thomas und ich kennen uns schon lange. Er hat mal mein altes Stadthaus saniert. Ich mochte ihn sofort, wie achtsam er war, wie er mitgedacht hat.

Wir hatten eine kurze, schöne Zeit. Aber er war innerlich noch nicht frei. Ich habe das beendet, ohne Streit und ohne Vorwürfe. Das war für mich schon ein großer Schritt.

Vor ungefähr sechs Jahren haben wir uns wiedergefunden. Und seitdem wird es jedes Jahr schöner.

Was anders ist: Ich erwarte nicht mehr, dass er mich rettet. Ich habe keine Liste, was er erfüllen muss. Ich bin einfach da. Und er auch.

Heißt das, er triggert mich nie? Doch.

Manchmal macht er Witze über meinen Körper. Liebevoll gemeint. Und trotzdem höre ich in diesem Moment meine Mutter, die mich als Kind ständig kritisiert hat.

Manchmal kann ich darüber lächeln. Manchmal nicht. Dann sage ich es ihm. Und er hört zu.

Und gleichzeitig weiß ich: Die Wunde ist meine. Nicht seine.

Ein freies Ja

Nach ein paar Tagen ist aus der Angst etwas anderes gewachsen. Ganz leise. Eine tiefe Verbundenheit.

Und ein Gefühl von Sicherheit.

Sicherheit ist eines unserer größten Grundbedürfnisse. Und genau das hat sich in mir bewegt.

Denn Thomas hat nicht nur gefragt. Er hat ganz Ja gesagt. Ja zu mir. Ja zu uns. Auch nach außen.

Bislang habe ich ihn aus Instagram herausgehalten. Er wollte privat bleiben. Als ich gefragt habe, ob ich das Video vom Antrag zeigen darf, hat er gesagt: Ich kann dir ja nicht einen Heiratsantrag machen und gleichzeitig sagen, aus diesem Teil deines Lebens hältst du mich bitte raus.

Ich darf ihn jetzt mitnehmen in meine Insta-Welt. Ihn zeigen. Uns zeigen.

Das war fast noch das größere Geschenk als der Antrag selbst.

Und jetzt kommt das Paradoxe daran. Ich weiß, dass eine Ehe nichts aussagt. Ein Trauschein garantiert keine Liebe. Das habe ich drei Mal erlebt.

Und trotzdem hat dieses Ja bei mir, mit meiner Geschichte, etwas ausgelöst. Ich kann mich jetzt anders einlassen. Tiefer. Mit einer Hingabe, die ich so vorher nicht kannte.

Vielleicht ist es genau das: Nicht das Papier macht den Unterschied. Sondern das Gefühl, gewollt zu sein. Ganz. Sichtbar.

Und daraus ist ein Ja gewachsen, das sich zum ersten Mal frei anfühlt.

Wann wir heiraten, wissen wir noch nicht. Und wie, auch nicht. Wir lassen uns Zeit. Wir wollen das so gestalten, wie es zu uns passt. Nicht, wie man es eben macht.

Liebe heißt für mich heute nicht, dass nichts schiefgehen kann. Liebe heißt, den Mut zu haben, sich trotzdem zu öffnen. Mit allen Narben.

Aus welchem Grund hast du Ja gesagt? Und wie würde dein freies Ja klingen?

Alles Liebe zu dir, Gunda


Mehr dazu in Folge 17 von Einfach frey. Es ist der Auftakt einer kleinen Reihe über Partnerschaft. In den nächsten Folgen geht es um Erwartungen, Trigger und ein gemeinsames Leben in Freiheit.

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